Das logotherapeutische Menschenbild:

Die Logotherapie ist eine sinnzentrierte Psychotherapie, in der der Mensch mit dem Sinn seines Lebens konfrontiert und auf diesen neu hingelenkt wird.

Das griechische Wort „logos“ bedeutet „Sinn“.
Die Logotherapie wird auch als die Dritte Wiener Schule der Psychotherapie genannt.

Sigmund Freud stellte in der Ersten Wiener Schule den Willen zur Lust in den Fokus, also das Streben des Menschen nach Lustbefriedigung und die Thematisierung, dass Unterdrückung oder Verdrängung des Sexualtriebs zu seelischen Störungen führen könne.

 Alfred Adler behandelte in der Zweiten Wiener Schule den Willen zur Macht, in welchem der Hauptfokus auf tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühlen lag, welche durch den Willen zur Macht kompensiert werden könnten.

Viktor Frankl legte in der Dritten Wiener Schule den Fokus auf den Willen zum Sinn, um Menschen,  die seelisch erkrankt waren, durch ihre bewusste Sinnsuche die Möglichkeit einer freudvollen Neuausrichtung im Leben zu schenken. 

Die drei Säulen des logotherapeutischen Menschenbildes:
Freiheit des Willens:
Grundsätzlich besitzt jeder Mensch eine potentielle Willensfreiheit. Die „non-deterministische“ Psychologie beschreibt in der Logotherapie den Ansatz, dass jeder Mensch geistige Freiheit besitzt, trotz möglicher Einschränkungen im Leben durch Krankheit, Schicksal, Unreife, Senilität usw.  konstruktiv und positiv – willensfrei - Stellung zu nehmen.

Wille zum Sinn:
Der Mensch trägt ein beseeltes Streben nach Sinnsuche in sich. Hierbei will äußerer, wie innerer Sinn bestmöglich erfüllt werden. Die Logotherapie ist eine sinnzentrierte Psychotherapie.

Sinn im Leben:
Durch die positive Weltanschauung der Logotherapie wird es dem Menschen möglich gemacht, einen bedingungslosen Sinn im eigenen Leben zu erkennen. So spricht Viktor Frankl auch von der unantastbaren Würde eines Menschen, von seiner geistigen Freiheit und Verantwortlichkeit, die er für sich und sein Leben trägt, um diesem den bestmöglichen Lebenssinn zu geben.
 
Das logotherapeutische Menschenbild beschreibt einen Menschen, der:

  • störbar, aber nicht zerstörbar ist
  • neben seinen erkrankten Anteilen jedoch immer auch aus den gesunden Anteilen besteht
  • somit nicht als Kranker in die Beratung kommt, sondern als Mensch in seiner Gesamtheit, als eine unteilbare Person mit Würde und eben einer bestimmten „Krankheitskonstellation“
  • Individuum ist, somit immer auch einen ganz persönlichen, individuellen Sinnauftrag hat
  • einzigartig, nicht austauschbar und einmalig ist
  • geistig ist und diese geistige Dimension nicht erkranken kann
  • geistig die Freiheit hat - und damit einhergehend aber auch Verantwortung
  • eine Entscheidungsmacht innerhalb seines individuellen Freiraums hat
  • nicht triebdeterminiert, sondern sinnorientiert, nicht luststrebend, sondern wertestrebend ist
  • die Fähigkeit besitzt, sich von allen Bedingungen und Umständen abzurücken und sich in fruchtbarer Distanz zum Psychophysikum zu stellen – dies wird die „Trotzmacht des Geistes“ genannt
  • in seinem SEIN auf ein SOLLEN bezogen ist und dadurch dynamisch ist und mittels dem Sinnorgan Gewissen eine Orientierung hat
  • in der Sinnausrichtung in seiner inneren Haltung aufrecht und klar ist (während der Mensch in der Zweckausrichtung in seiner inneren Haltung in Schräglage wäre, weil er fremdbestimmt handelt)
  • noetisch (auf Geist ausgerichtet) und spirituell ist. Die menschliche Welt ist von einer dem Menschen nicht zugänglichen Welt überhöht.
 
Was ist Geist?
„Geist ist eine Erfahrungstatsache, die sich nicht begründen lässt.
Geist ist im Menschen erfahrbar, aber nicht erklärbar.
Geist  ist die wichtigste Dimension des Menschen, das spezifisch Menschliche, denn Geist bewirkt Erkenntnis des Lebens und Liebe zum Leben.
Geist ist die Mitte der Seele.
Geist ist die schöpferische Gestaltungskraft, die ihn befähigt, sein inneres und äußeres Leben innerhalb bestimmter Grenzen frei gestalten zu können.
Geist ist die Fähigkeit, sich nicht nur gehen, sondern auch stehen zu lassen.“

Von Elisabeth Lukas gibt es an dieser Stelle einen wunderbaren Aufruf an Berater, wie im logotherapeutischen Gespräch der Geist erfahren werden könnte:
„Ihre Aufgabe ist es nicht, im Dreck der vergangenen Jahre zu wühlen.
Ihre Kunst ist es vielmehr, wie Frankl uns gelehrt hat, den uns eingehauchten Geist in Schwingung zu versetzen, auf dass er uns schwache Geschöpfe durchwehe und begnade zum Besten in uns!“